30. März 2011

Tüftler im Kindergarten

MZ-Artikel vom 25.03.2011

Die Schutzbrille setzt sich die dreijährige Emelie wie selbstverständlich auf. Um sie herum stehen Computer, ein Telefon, CD-Player und andere Geräte neben allerhand Werkzeug. Flugs greift sie sich einen Schraubendreher - entscheidet sich dann aber doch für eine Zange, um die Antenne eines Radios zu entfernen. Angestrengt zieht sie daran. Noch einmal. Klappt nicht. Emelie ärgert sich ein bisschen und nimmt sich stattdessen den Telefonhörer, um daran zu lauschen. Doch hier, im Experimentierraum der Kita "Wunderpferdchen" in Halle, kommt es ohnehin vor allem darauf an: ausprobieren. Mit einfachen Versuchen sollen die Kinder an Alltagsphänomene aus Naturwissenschaft und Technik herangeführt werden.

Denn bei der Kita handelt es sich um ein "Haus der kleinen Forscher". Sie ist bei einem Bildungsprogramm der gleichnamigen, bundesweit tätigen Stiftung dabei, die sich zum Ziel gemacht hat, den naturwissenschaftlichen Nachwuchs sehr früh zu fördern. Und damit in Sachsen-Anhalt auf große Resonanz stößt: Nirgends sonst machen so viele Kindergärten bei dieser Frühförderung mit wie in Sachsen-Anhalt, sagt der Geschäftsführer der Stiftung "Haus der kleinen Forscher", Peter Rösner: "Mehr als zwei Drittel der 1 712 Kitas sind hier aktiv beteiligt. Das ist der Spitzenwert im Vergleich zu anderen Bundesländern." Das Prinzip des Programms: Die im Sommer 2008 gegründete Stiftung bildet Erzieherinnen aus, damit sie die Kinder bei kleinen Experimenten anleiten können. Zur Umsetzung sucht sie sich in den einzelnen Bundesländern Partner. Erste Projekte dieser Art gab es bereits im Jahr 2006.

"Am beliebtesten sind bei den Kindern die Versuche mit Sprudelgasen", berichtet Erzieherin Carola Böhme, die in der halleschen Kita für die "Lernwerkstatt Experimentieren" zuständig ist. Dabei lassen die Kinder etwa einen Zimmervulkan "ausbrechen": Mit Knete wird dieser samt Krater geformt und Backpulver hineingegeben. Daraufhin kommt Zitronensäure, die mit roter Lebensmittelfarbe vermischt wurde, mit Hilfe einer Pipette dazu - die "Lava" schäumt. Und die Kinder erleben, wie Kohlenstoffdioxid entsteht. Beim Elternabend sorgte dieses Experiment ebenfalls bereits für viel Spaß, erzählt die Erzieherin.

Auch sonst lässt sich in dem Experimentierraum der Kita, in der 155 Kinder betreut werden, viel lernen. Beim Auseinandernehmen der von Eltern ausrangierten technischen Geräte etwa wird die Feinmotorik geschult, erklärt sie. Schon die ganz Kleinen - und die seien ja "von Natur aus Forscher" - lernen, gezielt ihre Kraft einzusetzen und Werkzeuge zu nutzen. Am Eingang des Raumes wird ausgiebig an einer Wanne voll Wasser mit Trichtern, Plastikflaschen und anderen Gefäßen gematscht. Ganz nebenbei machen die Kinder dabei "erste mathematische Grunderfahrungen zum Volumen", erklärt Carola Böhme. Zwei Meter weiter pusten Emil und Moritz, beide zwei, seit ungefähr einer halben Stunde unermüdlich in Strohhalme und lassen so schillernde Seifenblasenberge aus Bechern quellen.

Bei dem Programm gehe es nicht darum, Unterricht zu machen - sondern bei den Kindern eine neugierige, forschende Haltung zu wecken und sie auf spielerische Art dazu zu animieren, auf die Suche nach Antworten zu gehen, betont Peter Rösner. "Wir wollen so etwas wie Bolzplätze für kleine Forscher errichten." Denn um Interessen und Talente zu entdeckten, müssten die Dinge relativ früh ausprobiert werden. In Sachen Sport, Musik oder Sprache gebe es genügend Angebote in den Kitas. "Doch Naturwissenschaften, Technik und Mathematik hatten dort zuvor kaum eine Rolle gespielt." Dabei müsse man nicht Physiker sein, um auf dem Gebiet ein guter Lernbegleiter für die Kinder zu sein.

Doch: "In dem Bereich gab es Defizite", sagt Katrin Lademann vom halleschen Eigenbetrieb Kindertagesstätten, die ein 2007 gegründetes Netzwerk zu dem Programm koordiniert, bei dem alle Kitas der Stadt und weitere freier Träger Mitglied sind. Die Erzieherinnen hätten ihr Wissen über Naturwissenschaft und Technik zuvor meist allein aus der Schule gehabt. Hinzu kam: "Wir wollten weg vom Basteltanten-Image", so die frühere Mathe- und Physiklehrerin, die auch für die Fortbildungen der Erzieherinnen zuständig ist. Das sei mit dem Projekt gut gelungen. Und, so "Wunderpferdchen"-Leiterin Christine Zabel: "Unsere Erzieherinnen haben bei sich ein Interesse an Naturwissenschaft und Technik entdeckt."

 

(FOTO: ANDREAS STEDTLER)


Experiment DER WOCHE